1978
Das Jahr 1978 entwickelte sich als ein Jahr des Wachstums, wobei allerdings die Zeit nicht ausreichte, dass nun auch alles auswuchs. Derweil bleibt die Gemeinde Rodgau auch nicht von Auswüchsen verschont. Damit ist das sich zum Skandal ausweitende Bürgerhausprojekt in Dudenhofen gleichwohl gemeint wie jener Auswuchs von Neonazismus, wie er sich in Nieder-Roden zeigt. Hakenkreuz-Schmierereien an Rathaus und Hauswänden, eingeschlagene Scheiben, Provokationen bei einer Gedenkfeier, das brachte Rodgau landesweit ebenso ins Gespräch wie das Bürgerhausdebakel, dessen Entwicklung die Bildfolge rechts verdeutlicht.
An den mit Sicherheit auf über 8 Millionen Mark angewachsenen Kosten bei einem noch nicht einmal überzeugenden Nutzeffekt werden alle Bürger von Rodgau in allen Ortsteilen mit zu tragen haben. Die parlamentarische Untersuchung durch einen speziellen Ausschuss, der mehr als ein Dutzend Mal tagte, sprach sowohl den ehemaligen Gemeindevorstand Dudenhofen wie auch den Architekten nicht frei von Schuld. Allerdings stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlung gegen den Architekten wegen nicht nachweisbarer Betrugsabsicht ein. Zurück traten jedoch nach Abschluss der parlamentarischen Bürgerhausdebatte im Parlament und nach zwei zum Teil turbulenten Sitzungen die SPD-Gemeindevertreter Günther Hindel - Ex- Bürgermeister von Dudenhofen - und der ehemalige Haupt- und Finanzausschussvorsitzende in Dudenhofen, Wilhelm Hochstein.
Die Rodgau-SPD und die Dudenhofener SPD gerieten ob der Bürgerhausdiskussion und deren Folgen aneinander. Als Günther Hindel nicht schon vor den Sommerferien von sich aus als Gemeindevertreter zurücktreten wollte, tat dies der gesamte Vorstand der Rodgau-SPD aus Protest gegenüber Hindels Verharren im Parlament.
Doch Dudenhofen machte fernseh- und illustriertenweit nicht nur negative Schlagzeilen durch das Bürgerhaus, über dessen Weiterbau bis zum Jahresende noch keine Entscheidung gefällt wurde, sondern auch positive durch seine fast schon phantastisch gelungene Jahrhundertfeier zum 700. Jubiläum des Ortes.
Eine ganze Woche feierte Dudenhofen, Rodgau und Umgebung Anfang Juli ein rauschendes Fest mit einem Rekordandrang und einem Festzug als Höhepunkt, der einmalig zu nennen war und der dem Kreistag Offenbach zur Auszeichnung wegen seines historischen Wertes vorgeschlagen wurde. Doch Rodgau ist nicht nur Dudenhofen, wenn dieser Ortsteil auch durch seinen Dauerbrenner Lärmschutzwall, der zum Jahresende fertig werden sollte, und durch seine zwar die zweite Saison in Betrieb, doch noch immer ohne Baugenehmigung bedachte Waldfreizeitanlage für Dauergesprächstoff sorgte.
Öffentliche Anerkennung wurde der Gemeinde auch für das von ihr tatkräftig geförderte Vereinsleben zuteil. Bei der Eröffnung der ersten Geschäftsstelle des Sportkreises Offenbach Anfang November in dem gemeindlichen Kindergarten in Weiskirchen wies der Sportkreisvorsitzende Karl May die Gemeinde Rodgau mit allein über 25 Sportvereinen und mehr als 10.000 Mitgliedern als sportfreudigste Gemeinde im Kreis Offenbach aus. Sportliche Lorbeeren auch für die Sportvereinigung Weiskirchen, deren Fußballer die Meisterschaft in der A-Klasse Offenbach schafften sowie weitere Anerkennung für diesen Verein, der im November seine neue Gymnastik- und Kunstturnhalle mit einem Aufgebot deutscher Spitzenturner einweihte. Mit dieser Halle steht der Verein in der Bundesrepublik einzigartig dar.
Auf dem politischen Gebiet war vor allem das Ergebnis des Landtagswahlkampfes in Rodgau von Interesse. Wie nie zuvor hatte sich bundes- und landespolitische Prominenz in Rodgau ein Wahlkampfstelldichein gegeben. Der SPD-Bundesvorsitzende Willy Brandt und Ministerpräsident Holger Börner in Dudenhofen, der CDU-Bundesvorsitzende Helmut Kohl zum Wahlkampfabschluß im Bürgerhaus Nieder-Roden, der Bundestagspräsident Professor Carstens im Bürgerhaus Weiskirchen, Schleswig-Holsteins Landtagspräsident Lemke und Niedersachsens Finanzminister Leisler Kiep zum Polit-Pläusch beim Landwirt Ludwig Fengel in Dudenhofen, dazu Bundes- und Landtagsabgeordnete, es schien, alles drängte nach Rodgau.
Das Wahlergebnis brachte in Rodgau nur Sieger zutage. Die CDU siegte in Rodgau und in den beiden Rodgau betreffenden Wahlkreises mit ihrem Landtagsabgeordneten Ludwig Schwab (Wahlkreis 45) und Leonhard Brockmann (Wahlkreis 52 in Nieder- Roden), während die SPD und die FDP landesweit ihre Position behaupteten und damit ihre Koalition mit Ministerpräsident Börner an der Spitze. Für die CDU gab es in Rodgau 50,6 Prozent, für die SPD 40,9 Prozent und die FDP 6 Prozent. Das bedeutete für die CDU die Stabilisierung und den Stillstand nach dem Aufwärtsschwung noch bei der Kommunalwahl 1977 und der Landtagswahl 1974, für die SPD eine leichte Aufwärtsbewegung nach dem Debakel bei der Kommunalwahl 1977 - wenn man auch beide Wahlen nicht direkt miteinander vergleichen kann. Recht intensive Anstrengungen unternahm die Rodgau-CDU mit ihrer Mehrheit im Gemeindevorstand und im Parlament sowie in den Ortsbeiräten, ihr Vorhaben zur Änderung des Flächennutzungsplanes durchzusetzen, auch gleich zwei neue Sporthallen in Jügesheim und Hainhausen zu planen und nicht zuletzt auch die weiterführende Schule in Dudenhofen gegenüber der Bahn, die die SPD-Opposition lieber in der Westgemarkung Jügesheims gesehen hätte.